Die Geschichten sind da draußen

Neulich sprach ich mit einer Bekannten über Online-Shops für Bagpipes, speziell in Deutschland. Sie kam auf die Seite von Björn Frauendienst zu sprechen, die ich zwar kannte, auf der ich aber noch nie etwas gekauft hatte. Seit längerem war ich wieder dabei, auf Webseiten diverser Händler herum zu scrollen, um Pipes anzuschauen. In der Vergangenheit hatte ich immer wieder Instrumente beiseite gelegt, verabschiedet, verkauft. Keine Zeit, zu anstrengend, anderes zu tun. Doch sie tauchten immer wieder auf.

In besagtem Shop bleibt mein Auge hängen: »Classic 3 Boxwood-Edition« von Wallace Bagpipes in Glasgow. Kein Kunststoff, kein Metall, nur Hölzer in einem warmen Kontrast. Offenbar ein wenig gefragter Stil, denn oft angeboten wird er nicht. Ich versende eine Zubehör-Anfrage. Keine zehn Minuten später kommt die Antwort. Bis zur Entscheidung dauert es dann auch nicht mehr lange: Ich will das Teil haben!

Instrument einpacken

Die Webseiten von Björn Frauendienst zeigen jemanden, der nicht nur als Händler, Ratgeber, Lehrer und Musiker unterwegs ist, sondern sich auch für wohltätige Zwecke engagiert. Wir machen einen Termin aus, denn ich möchte mein Instrument gern persönlich abholen. Und vielleicht ergibt sich eine Story für diese Seite hier. Leider wird der Besuchs-Plan durchkreuzt. Wegen anderer Verpflichtungen müssen wir das Treffen kurzfristig absagen, die Pipe geht in die Post und wir sehen uns am Bildschirm.

Über ein Stofftier in den Online-Handel

Mein Gesprächspartner ist seit Kindertagen von einer Faszination für die britischen Inseln befallen. Damals verbringt er mit der Familie viele Urlaube dort. Anfang 2019 führt diese Vorliebe zu einer Online-Initiative: Frauendienst registriert eine Domain, um ein Reiseinfoportal für Schottland aufzubauen. Die Idee dahinter ist, Interessen nachzugehen, Erfahrungen zu teilen, Geschichten zu erzählen. Es entstehen erste Artikel.

Im Sommer desselben Jahres nimmt er an einer Solo-Competition der CLASP (Competition League for Amateur Solo Pipers) am National Piping Center in Glasgow teil. Auf dem Rückweg über Edinburgh sucht er noch ein Geschenk und entdeckt in einem Touristenshop ein Stoff-Schaf. »Schafe waren bei meinem Sohn damals hoch im Kurs. Wichtig war, etwas mit gestickten Augen und ohne Kleinteile zu finden, die von Kindern verschlucken werden können«, erinnert er sich.

Neben fürsorglichen Gedanken erwacht an diesem Artikel auch ein unternehmerisches Interesse. Wieder zu Hause, beginnt der Familienvater zu recherchieren – wo kommt das her, was kostet das im Einkauf usw.? – und denkt sich bald: »Das kann ich auch!« Damit ist die Idee geboren, in den Online-Handel einzusteigen.

Ohne Kleinteile: das Stoff-Schaf, bis heute im Shop

Etwa zur selben Zeit beginnt er, Highland Bagpipe zu unterrichten, und so ergibt sich der nächste Schritt beinahe von selbst: Seine Schülerinnen und Schüler benötigen Instrumente, warum also nicht welche im eigenen Shop verkaufen? Aus früheren Bandaktivitäten hatte bereits eine Verbindung zu Wallace Bagpipes bestanden. Daran anknüpfend, kommt es nun zu einer Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer Craig Munro – bekannt auch durch die Red Hot Chilli Pipers –, die sich bald zu einem freundschaftlichen Verhältnis entwickeln wird. »Die Sache mit den Instrumenten wurde schnell herausfordernd, vor allem wegen der Menge an Zubehör«, erinnert sich Frauendienst. Er steigt tiefer in das Thema »Online-Handel« ein und der Schwerpunkt seines noch jungen Shops verschiebt sich in Richtung Musik und Bekleidung. Doch auch die Souvenirs und Accessoires lassen ihn nicht los.

»Ich habe da einfach Bock drauf, sonst würde ich es nicht machen!«

Nichts von alldem war so geplant. Eine Mischung aus Brexit und COVID-19-Pandemie erschwert die Anfänge. Und doch entwickelt sich die Sache sukzessive, ohne Businessplan und sonstige Konzeptpapiere. Frauendienst ist eher daran orientiert, was er und seine Schüler gerade für ihre Instrumente benötigen – oder was er selbst gern als Dekoration zu Hause hätte. Ziellose Liebhaberei ist es allerdings auch nicht. Für den 42-Jährigen aus Witten in Nordrhein-Westfalen ist sein Business beides, Geschäft und Passion. Ihn treiben ein generelles Interesse an der britischen Welt und eine Vorliebe für den ganzen musikalisch-kulturellen Kosmos, der von Tartans, Bagpipes und rauen Landschaften durchzogen ist.

Hochzeiten gehören zu den häufigsten Events für Auftritte.

Der vielleicht wichtigste Grund für all diese Aktivitäten ist allerdings ein anderer. Es ist der gleiche, warum Menschen in Sportvereine gehen, zu den Pfadfindern oder sich zum Klettern verabreden. »Ich mache es wegen der Leute«, fasst Frauendienst das knapp zusammen. Was ihn motiviere und ihm letztlich Freude bringe, das seien die Begegnungen und der Austausch in einem Horizont geteilter Interessen.

Szene ist gereift

Seit 2023 ist er mit seinem Sortiment auch auf Highland Games, musikalischen Wettbewerben und ähnlichen Events präsent. Dort trifft er bekannte Gesichter, Weggefährten, man kennt sich oder lernt sich kennen. Die Kategorien sind in diesem Umfeld fließend. Geschäftspartner sind zugleich Freunde, die im Familienurlaub besucht werden, eine Kundin wird Schülerin wird Mitarbeiterin – nur einige Beispiele für unvorhersehbare Konstellationen im geschäftlich-privaten Kontext.

Björn Frauendienst an seinem Verkaufsstand 2024 in Wuppertal

»Was ich an dieser Szene besonders schätze, ist ihr familiäres Klima«, betont Frauendienst. Er kennt diese überschaubare Welt der Pipebands und Competitions nun seit über 20 Jahren, und seinem Eindruck nach ist sie in dieser Zeit gereift. Das musikalische Niveau in Deutschland sei gestiegen und die Szene insgesamt professioneller geworden. Etliche Spielerinnen und Spieler hätten sich bemerkenswert entwickelt. In der Vergangenheit hätten ihn hin und wieder Lästereien und abfällige Bemerkungen über andere Musiker, Bands oder Händler gestört. Heute nimmt er das Gegenteil stärker wahr. Klar gebe es Konkurrenzdenken, aber alles finde doch in einem respektvollen, freundschaftlichen Klima statt, in dem Erfolge gegenseitig anerkannt würden.

Kein Nine-to-five-Typ

Björn Frauendienst gehört zu jenen Zeitgenossen, die den Zustand der Langeweile nur noch aus fernen Erinnerungen kennen. Sein Erwerbsleben verzweigt sich in vier Jobs, plus Familie. Neben dem Shop-Business unterrichtet er mehr als 30 Schülerinnen und Schüler, spielt knapp 100 Solo-Auftritte im Jahr und koordiniert – von Studienwegen her ist er Geograph – an der Ruhr-Universität Bochum Förderprogramme für eine inklusive Hochschule. Eine klassische Nine-to-five-Karriere in einem Unternehmen ist für ihn nichts: »Ich brauche einfach die Abwechslung. Und die verschiedenen Jobs machen mir alle Spaß!«

Auftritt für die Footballmannschaft Langenfeld Longhorns

Detaillierte Zukunftspläne für seine beruflichen Betätigungen habe er nicht. Er ist der Ansicht, dass allzu ausführliche Planungen ohnehin vom Leben durchkreuzt würden. Sich blind auf den Lauf der Dinge verlassen, das möchte er allerdings auch nicht. Also ein Mittelweg, auf dem durchaus Prioritäten gesetzt und Entscheidungen getroffen werden, jedoch in dem Bewusstsein und mit Akzeptanz dafür, dass alles auch ganz anders kommen könnte.

Mental-Health-Engagement

Früher war er auch in Bands aktiv, etwa in der Rhine Power Pipe Band aus Köln. Im Gespräch erinnert er sich gern an diese Zeit, die ihm viele interessante Begegnungen und Erlebnisse beschert habe. Doch nach ein paar Jahren war Schluss, und eine Rückkehr in ein solches Format könne er sich derzeit nicht vorstellen. Keine Zeit, zu anstrengend, anderes zu tun. Zum Beispiel laufen.

Vor einigen Jahren beschließt der Unternehmer und Geograph, seine sportlichen Aktivitäten zu erhöhen. Kurz darauf erreicht ihn die Nachricht vom Tod eines Geschäftspartners durch Suizid. Ein Lieferant macht ihn auf die Organisation Scottish Action for Mental Health (SAMH) aufmerksam, die unter anderem in der Depressionshilfe aktiv ist. Frauendienst verbindet sein eigenes Gesundheitsprojekt mit dem Dienst an der guten Sache und beginnt, mit Hilfe der Piping-Szene, bei seinen Auftritten und durch die Teilnahme an Sportveranstaltungen Spenden für SAMH zu sammeln. 2025 ist er dafür bei einem Halbmarathon in Edinburgh dabei und auch für 2026 stehen mehrere Lauf-Termine an.

Nach dem Zieleinlauf beim Marathon in Edinburgh 2025, Foto Greg Macvean

Von Clowns, Zahnärzten, Adelssitzen

Ob im regelmäßigen Kontakt mit Schülern oder am Verkaufsstand bei Veranstaltungen, die Konfrontation mit Unglück und biographischen Schattenseiten ist für den Händler und Musiker keine Seltenheit. Und doch überwiegt für ihn bei weitem das Positive in den zahllosen Geschichten, die sich über die Jahre ergeben haben und weiterhin ergeben. Einmal erhält er eine Nachricht aus dem Circus Roncalli. Ein Clown mit kaputtem Dudelsack bittet um Hilfe. Frauendienst fährt hin, repariert das Instrument und wird spontan gefragt, ob er bei einer Aufführung mitmachen wolle. Die Aktion in der Manege lässt er sich nicht entgehen. Dazu »etliche bekloppte Stories aus Schottlandurlauben«, die er nicht vergessen werde.

Etwa eine abenteuerliche Wurzelbehandlung auf Islay oder ein von seiner Frau bei Scone Palace verlorener Ehering. Auch nach stundenlanger Suche bleibt das Stück verschwunden. Wieder daheim, nimmt er über ein soziales Netzwerk Kontakt zu diversen Reisegruppen auf und bittet um Hilfe. Dann tritt er einer schottischen Metalldetektor-Gruppe bei. Auch dort erfährt er Hilfsbereitschaft. Es dauert drei Wochen, bis eine Genehmigung vorliegt, das Palastgelände abzusuchen. Dann geht es schnell. Nach wenigen Minuten schlägt ein Detektor aus. Jim Butcher aus Perth, der für Meeresbodenuntersuchungen sonst viel Zeit auf offener See verbringt, findet den Ring, inzwischen fest in den Boden getrampelt. Das Ehepaar Frauendienst geht auf Nummer sicher und fliegt hin, um den Fund persönlich abzuholen. Eine Geschichte gegen alle Wahrscheinlichkeiten, über die auch die Lokalpresse berichtet.

»Man muss rausgehen, dann ergeben sich die Geschichten eigentlich von selbst«, resümiert Frauendienst, während unsere Video-Session langsam zu Ende geht. Ein paar Tage später, es ist ein grauer Mittwoch im Februar, gehe ich vor die Tür. Ein Paket steht dort, Absender in Witten. Die Instrumente tauchen immer wieder auf.

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