Mittagszeit an einem Samstag im Mai. Der Stadtpark füllt sich mit Besuchern. Nach offiziellen Angaben werden es an diesem Wochenende rund 30.000 sein. Das »Highland Gathering« in Peine gilt als das größte Event seiner Art auf dem europäischen Festland. Ein Rundgang.
»Ich heiße Eva, ich möchte dich verführen!« Ok, warum nicht!? Kurz darauf halte ich eine Tüte mit italienischem Mandelgebäck in der Hand. »Das macht 4,60 Euro.« Eva, die eigentlich Elka heißt, stammt aus der Toskana, lebt in Wolfenbüttel und verkauft seit 15 Jahren ihre Ware auf dem Peiner Highland Gathering. Immer schön und lebendig sei es dort, die Leute gut drauf. Auch die Musik gefalle ihr. Und die Geschäfte? Bisher »ganz gut«. Aber die Veranstaltung habe ja auch gerade erste begonnen.

Nur wenige Fußminuten vom Park entfernt liegt die Fußgängerzone. Optisch besticht sie, typisch für die Region, durch ihre pittoreske Fachwerkarchitektur. Zugleich prägen Leerstand, Euroläden, alternde Bevölkerung das Bild. Am Marktplatz singt eine junge Frau, mit musikalischem Support von zwei älteren Herren, auf einer »Open Stage« gegen die kleinstädtische Tristesse an. Zwei Senioren, wohl Mitte 60, Funktionskleidung, sitzen in einigem Abstand vor der Bühne und lauschen dem Trio.


»Dürfte ich kurz laden?«
Der Akku meines Mobiltelefons geht zur Neige. Von der offenen Bühne sind es nur etwa hundert Meter zum Stadtmarketing-Büro. Vielleicht gibt es dort eine Lademöglichkeit. Tatsächlich stöpselt eine freundliche Mitarbeiterin mein Gerät in eine Steckdose hinter dem Tresen. In dem Raum, einer Mischung aus Merch-Geschäft und Touristeninformation, ist außer uns beiden niemand. Allerdings, darauf weist die hilfsbereite Dame hin, sei es vorhin schon voller gewesen. Und später gebe es noch eine Stadtführung mit anschließender Whisky-Probe im Hof der Geschäftsstelle. Dort flattern blaue Papierfähnchen mit weißem Kreuz über Bierbänken, der Mann einer Reinigungsfirma zieht im Sanitärbereich noch den Wischmop über den Boden.
Dass das Highland Gathering für die Stadt von großer Bedeutung sei, ist an vielen Stellen zu hören. Ganz unplausibel ist das nicht. Mit rund 50.000 Einwohnern liegt Peine tief im Schatten seiner Nachbarn, der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover im Westen und der Löwenstadt Braunschweig im Osten. Das alljährliche »Schottenfest«, wie die Veranstaltung hier landläufig auch genannt wird, gibt der Kleinstadt die Möglichkeit, sich als kulturell relevante Event-Stätte mit internationaler Ausrichtung zu inszenieren.
»Major Event« der kontinentalen Pipe-Band-Szene
Zurück im Park. Die »Peine International Pipe Band Championships« sind in vollem Gange. Insgesamt treten 23 Bands aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Dänemark an.

Am Rande der »Competition Arena« stehen vier Herren in Highland-Dress an einem Bierstand. Sie kommen aus Hamburg und gehören zu den St. Pauli Pipes & Drums – eine Abteilung des bekannten Fußball-Clubs von 1910. Deren Vorsitzender Dennis Cole blickt entspannt auf das Wettbewerbsgeschehen. Zum eigenen Auftritt vor etwa einer Stunde meint er: »Unsere Performance war nicht überragend, aber in Ordnung«.
Überhaupt zeigt Cole eine gelassene Haltung gegenüber dem ganzen Wettkampf- und Leistungsthema. Seit 36 Jahren in solchen Formationen aktiv, hat er selbst erlebt, wie sich Bands unter hohem Druck regelrecht zerlegen können. »Wir stellen bei uns ganz bewusst die Freude an der Musik und am gemeinsamen Auftritt in den Vordergrund. Natürlich sind wir musikalisch ambitioniert, aber bestimmte Platzierungen bei Wettbewerben sind für uns nicht der letzte Zweck. Wir möchten hier alles in allem eine gute Zeit haben.«
Stress hinter der Pommesbude
Eine gute Zeit hat auch Melanie an Kasse 3, einer Art Geheimzugang ohne Schlangenbildung am östlichen Ende des Stadtparks, noch hinter den Pavillon-Lagern der Bands, wo nur wenige Besucher hingelangen. Sie arbeitet zum ersten Mal bei dem Event mit, es fehlt noch an Routine und Kenntnissen der Abläufe, weshalb sie froh ist, in dieser schwach frequentierten Hütte eingesetzt zu sein. Wir plaudern über die Geräuschkulisse (»Für Hunde nicht empfehlenswert!«), ein Sicherheitsmitarbeiter verscheucht Jugendliche auf E-Rollern, ab und zu geht ein Ticket über den Tisch. Für die junge Frau ist all dies so etwas wie ein großes musikalisches Beisammensein, sie mag den Sound, mit den Wettbewerben kann sie nichts anfangen.

Von Melanies Kassenhäuschen aus kann man zur Rasenfläche hinüberschauen, auf der die Pipe-Bands mit dem »final tuning« beschäftigt sind, bevor sie sich dem Urteil der Wettkampfrichter und den Blicken des Publikums stellen. Es ist der Ort, an dem bei nicht wenigen Spielern die Anspannung in Steilkurven verläuft. Bratwurst, Kinderhüpfburg, Festatmosphäre – alles Lichtjahre entfernt. Stattdessen Hektik, Töne passen nicht, zum Stimmen keine Zeit mehr, Bandmitglieder aussortiert, kurz vor dem Start, sind jetzt Zuschauer. So kann es laufen. Andere bewegen sich routiniert und mit gelassener Präzision auf die Startlinie zu, spielen ihr Set und ziehen souverän wieder ab.




»Wir tun das gerne für die schottische Kultur«
Am späten Nachmittag geht der Wettbewerb zu Ende und gegen 17:30 Uhr marschieren die Bands zur Siegerehrung auf. Uniformen, gebrüllte Kommandos, ein Hauch von militärischem Flair. In Peine wird ein komplexes Wettbewerbs- und Festivalformat geboten, das Elemente aus Kulturevent, Szenetreff und Volksfest kombiniert. Seit 1998 findet es in dem rund vier Hektar großen Parkareal nahe dem Bahnhof statt. Ins Leben gerufen wurde es vom örtlichen Scottish Culture Club Peine e. V., der es zusammen mit der Peine Marketing GmbH auf die Beine stell.
Die Verbindung von vereinsmäßig organisierter Schottlandbegeisterung und städtischer Vermarktungslogik dürfte dazu beitragen, dass die Sprache der Werbung und Berichterstattung rund um dieses Highland-Format etwas hochgejazzt klingt und bisweilen in eine befremdliche Bewunderungs- und Verehrungsattitüde abgleitet. Kaum ein Satz, in dem nicht die schottische Kultur hochgehalten, die schottische Lebensart beschworen, die schottischen Traditionen gefeiert werden. Der affirmative Affekt wirkt überhitzt.
Für die Kreisstadt zwischen Harz und Heide ist das »Gathering« ohne Zweifel ein Glücksfall. Die Geschäftsführerin der Peine Marketing GmbH, Anja Barlen-Herbig, bringt es folgendermaßen auf den Punkt: »Jeder Standort ist auf der Suche nach einem kulturellen Leuchtturm, einem ganz besonderen Event, das einzigartig ist. Das Highland Gathering gehört seit mehr als 25 Jahren zur Peiner Identität.« Peine – das war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre vor allem Stahlindustrie, Arbeiterstadt. Dann setzte der Niedergang ein. Zwar konnte sich dieser Wirtschaftszweig in der Folgezeit erholen – heute steht dort eines der modernsten Elektrostahlwerke Europas –, mit jener überragenden Bedeutung war es aber vorbei.
Highland Gathering bringt Kunden
Am Sonntag setzt sich das zweitägige Treiben fort. Die Hauptattraktionen heute sind »Highland Games« (Baumstammwerfen, Tauziehen usw.) und die Solo Piping- und Drumming-Wettbewerbe. Mein Hotel liegt im Ortsteil Stederdorf nördlich des Zentrums. Frühstück ab 6:30 Uhr, ich bin zu früh, doch der Angestellte von der Rezeption schiebt die Absperrkordel beiseite und zeigt mir, wo der Kaffee steht. Ob die Schotten-Veranstaltung auch im Hotelbetrieb bemerkbar ist, möchte ich wissen. Klare Antwort: »Oh ja!« Dieses Wochenende sei das einzige im Jahr, an dem in nennenswerter Zahl Gäste von außerhalb kämen. Ansonsten würde das Haus vor allem für größere Feiern wie Hochzeiten gebucht, die Kundschaft komme in der Regel aus der Stadt oder umliegenden Ortschaften.
Die Fahrt zum Veranstaltungsort dauert mit dem Auto etwa fünf Minuten. Mein Bargeld ist dezimiert. Also noch einmal in die Fußgängerzone. In der Bankfiliale stehen drei Automaten, man kann Kontoauszüge drucken, Geld gibt es keines. Wieder zurück. Die Sonne scheint, Melanie sitzt heute an Kasse 1, die Stände und Buden auf dem Veranstaltungsareal öffnen allmählich.

Am späten Vormittag beginnen die Solowettbewerbe für Piper und Drummer. Dafür sind im hinteren Teil des Parks mit blau-weißem Flatterband sechs kleine Bereiche markiert, jeweils mit Pavillon, Tisch, Stuhl und »Judge« – einem erfahrenen und fachkundigen Wertungsrichter mit szenespezifischer Autorität.
Für Eingeweihte
Die Solisten finden sich gemäß Zeitplan an dem ihnen zugeteilten Platz ein, warten auf eine Aufforderungsgeste zum Betreten der Fläche, es folgt eine mehr oder weniger knappe Begrüßung, gelegentlich mit kurzem Gespräch, Einspielen und Stimmen, bis die eigentliche Performance beginnt. Ein Slot dauert – je nach Teilnahmekategorie – fünf bis zehn Minuten, dann beginnt mit dem nächsten Kandidaten alles von vorn. Bewertet werden beispielsweise Instrumentenstimmung, Tonstabilität, technische Präzision der Fingertechnik, Rhythmus und Timing, musikalischer Ausdruck. Die Bagpipe Association of Germany e. V. (BAG), Mitveranstalterin der Wettbewerbe, führt spezielle Regelwerke, angelehnt an die Standards der Royal Scottish Pipe Band Association.


Zwischen den Solo-Flächen schlendert ein junges Paar entlang. Beide kommen aus Peine und sind jedes Jahr hier. Einen Zugang zu dem, was hinter den Flatterbändern eigentlich geschieht, habe er auch nach mehreren Jahren nicht. Seine Begleiterin bestätigt: »Das Wettbewerbsgeschehen ist für die normalen Besucher unverständlich und geht auch an ihnen vorbei.« Das Statement bestätigt einen allgemeinen Eindruck: Vor allem am Sonntag sind es eigentlich zwei Veranstaltungen. Die in puncto Massentauglichkeit deutlich vorn liegenden Highland Games samt Volksfeststimmung und das exklusive Competition-Geschehen im hinteren Teil der Parkanlage.

und Leiter der Entertainment-Band Happy German Bagpipers



Warum Wettbewerbe?
Dieser Frage widmet auch die BAG einen Absatz auf ihrer Homepage. Dort wird auf Entstehungskontexte im Schottland des 18. Jahrhunderts verweisen. Eine griffige Antwort fehlt aber.
Vor Arena A steht eine Frau, Mitte 40, Bandoutfit, Instrument in der Hand. Sie hat ihren Solo-Part bereits gespielt und schaut sich nun weitere Beiträge an. Auf die Frage nach ihren Motiven für die Teilnahme antwortet sie nicht sofort, überlegt einen Moment. Ihr gehe es vor allem um Rückmeldung zu ihren aktuellen Fähigkeiten und um eine Überprüfung beziehungsweise Bestätigung musikalischer Fortschritte.
Nach über sechs Stunden an diesem zweiten Tag genügt es allmählich. Die Soundkulisse wird anstrengend, außerdem habe ich kein Geld. Auf dem Weg zum Ausgang laufe ich noch einmal bei Eva/Elka vorbei. Sie sieht etwas erschöpft, aber zufrieden aus. Ob die Leute wieder gut drauf waren, frage ich. Sie lächelt. Im nächsten Jahr will sie wiederkommen.
