Um 20 Uhr geht der Bildschirm aus. Der letzte Unterricht an diesem Aprilabend fand online statt. Andrew Pattison klappt den Laptop zu, nimmt sein Instrument und geht in den Nebenraum, um sich einzuspielen. Mit diesem Abend geht für ihn ein fünftägiges Praktikum an der Dudelsack-Akademie in Hofheim am Taunus zu Ende. Zum Abschluss wird er vor kleiner Runde ein Recital geben. Im Flur warten die ersten Gäste.
Pattison – Mitglied bei der Inveraray & District Pipe Band – studiert »Traditional Music: Piping« am Royal Conservatoire of Scotland (RCS) und am National Piping Centre (NPC) in Glasgow. Das Set für den heutigen Abend entspricht in weiten Teilen dem rund fünfzigminütigen Solo-Programm, das er für sein Examen zusammengestellt hat und in wenigen Wochen der Prüfungskommission am RCS vortragen wird. Wie schon etliche Studierende vor ihm nutzt er diese Gelegenheit, um seine Setlist unter Aufführungsbedingungen zu proben.
Austausch zwischen Hofheim und Glasgow
Jährlich wählt etwa eine Handvoll Studierender aus Schottland die Hofheimer Akademie, um dort ihr obligatorisches Praktikum zu machen. Das ist eine bemerkenswerte Zahl, wenn man bedenkt, dass die Menge der Piping-Absolventen am RCS nur unwesentlich höher ist. Der regelmäßige Besuch ist den Verbindungen zu verdanken, die Thomas Zöller, Gründer und Leiter der Dudelsack-Akademie, zu den genannten Bildungseinrichtungen seit Jahren hat. Von 2002 bis 2005 studierte er selbst dort und pflegt bis heute vielfache Kontakte in die künstlerisch-akademische Welt Glasgows. »Finlay MacDonald, der Direktor am National Piping Centre, hat uns auf dem Schirm. Für die Studierenden dort ist es eine attraktive Option, ihr Praktikum in Deutschland zu machen und so auch international Erfahrungen zu sammeln. Unsere Schüler wiederum können bei ihnen Unterricht nehmen und sich mit ihnen austauschen«, meint Zöller. Auch für Finlay MacDonald ist die gegenseitige Horizonterweiterung ein wichtiger Punkt dieser Zusammenarbeit: »We actively encourage our students to take the opportunity to spend time with Thomas and the team at the Dudelsack Akademie. Each one of our students comes back with a broader mind and renewed inspiration.«

Gegen 20:15 Uhr kommt Andrew Pattison, Pipe unterm Arm, zurück in den Unterrichtsraum. Etwa 15 Zuschauer sitzen in vier Stuhlreihen. Nach der Begrüßung und einführenden Worten durch den Akademie-Leiter stellt Pattison sich vor und startet sein Programm, bestehend aus Märschen, Strathspeys, Reels, Hornpipes, Jigs, Slow Airs und Piobaireachd. Zwischendrin gibt er Erläuterungen zur Musik und ein paar Anekdoten. Als er fast durch ist, gießt er sich Whisky ein, trinkt und spielt zu Ende. Applaus, der Hut geht rum und in lockerer Atmosphäre klingt der Abend aus.
Klischees und fehlende Spielräume
Einige Wochen später treffe ich Thomas Zöller in seinen Schulungsräumen am Rande der Hofheimer Altstadt, wenige Autominuten vor den Toren Frankfurts. Den Namen Zöller kennt in der deutschen Pipingszene (und darüber hinaus) nahezu jeder, der schon etwas länger dabei ist. Allerdings ist vielen nicht ganz klar, wo und wie dieser Schulgründer mit Studienhintergrund einzuordnen ist. Manche nehmen ihn als eigensinnigen Individualisten wahr, der hohes Fachwissen und Können hat, in die aktuelle Pipe-Band-Kultur aber nicht so recht hineinpassen will.
Im ersten Stock über einem Blumengeschäft sitzt Zöller am geöffneten Fenster, er trägt eine Brille mit orangefarbenen Gläsern. Vor wenigen Tagen ist er aus Glasgow vom Festival Piping Live! zurückgekehrt. Wir kommen auf seine musikalische Ausbildung zu sprechen und wie diese Schule, die er 2005 gegründet hat, damit zusammenhängt. Fünf Jahre lang habe er sich in Sachen Piping hauptsächlich als Autodidakt durchgeschlagen. »Die Berührungspunkte, die ich in den 1990ern hierzulande mit dem Thema Highland Bagpipe hatte, lagen in einer stereotypen, von Klischees geprägten Welt.« Zöller meint damit eine bestimmte Perspektive auf dieses Instrument und ein stark normatives, von ihm als einengend empfundenes Verständnis der Musik. Das Fehlen von Variationen, das, wie er sagt, »sklavische Hängen am Papier« sowie fehlende Spielräume im kreativen Ausdruck, all das habe ihn gestört.
Im Jahr 2001 besucht er erstmals das National Piping Center, um sechs Wochen lang Einzelunterricht zu nehmen. Wegen seiner bisherigen Erfahrungen hat er auch Vorbehalte. Seine Überlegung: Wenn schon in Deutschland ein solch strenges Klima herrscht, wie mag es dort erst zugehen, im Herkunftsland dieser Musik? Doch es kam anders. »Bald nach der Ankunft dachte ich: Komisch, die sind gar nicht so engstirnig, wie ich befürchtet hatte. Stattdessen habe ich scharfe Kontraste erlebt zwischen meinen Erfahrungen aus Deutschland und dem, was mir dort vermittelt wurde«, fasst Zöller rückblickend zusammen.
Interpretation statt Reproduktion
Der gebürtige Hofheimer, Jahrgang 1977, nimmt sich Zeit für seine Antworten. Mitunter holt er weit aus, um Hintergründe und Zusammenhänge zu erläutern. Als Gesprächspartner hat man nie das Gefühl, von Monologen überfahren zu werden. In einem anderen Unterrichtsraum – die Dudelsack-Akademie hat auf zwei Ebenen drei davon plus ein Tonstudio – wird es plötzlich laut. Mit Thomas Zöller sind insgesamt vier Dozenten für die Einrichtung tätig. Hinzu kommen Gastdozenten für Veranstaltungen zu speziellen, vertiefenden Themen. Zöller steht auf, schließt die Tür, setzt sich zurück ans Fenster und nimmt den Faden wieder auf.
Das Studium am Royal Conservatoire of Scotland – damals noch Royal Scottish Academy of Music and Drama (RSAMD) – habe ihm eine vollends neue Welt aufgeschlossen. Zum Lehrkörper gehört damals Allan MacDonald, von 1995 bis 2013 einer der prägenden Dozenten für Highland Bagpipe und gälische Musik an der RSAMD. Zentrale Bestandteile seiner Lehrveranstaltungen sind etwa die historische Perspektive auf Piobaireachd (Ceòl Mòr, »Große Musik«) und die Verbindung dieser Musik zur gälischen Sprache. Auch die Auseinandersetzung mit den Quellen und Canntaireachd sowie verschiedene musikalische Stilistiken gehören zu den Schwerpunkten.

Thomas Zöller ist fasziniert von diesem Zugang, der ihm jene Freiheit eröffnet, die er früher vermisste. »Vor allem bei Allan ging es nicht um Reproduktion standardisierter Versionen, sondern vielmehr um die Entwicklung eigener musikalischer Interpretationen. Es war dieses Verständnis von Piping als einer lebendigen Kunstform und die Auseinandersetzung mit kulturellen und historischen Kontexten, die mich fasziniert haben. Ein Schlüsselerlebnis war Allans Interpretation des Pibrochs Glengarry’s March auf der CD Ceòl na Pìoba. Nachdem ich sie gehört hatte, war mir klar, dass ich von ihm eine völlig andere Art zu musizieren würde lernen können. Jenseits von Normzwängen und der Versuche, Pokale zu gewinnen.«
Um diese Faszination wach zu halten und weiterzugeben, gründet Zöller im Anschluss an das Studium die Dudelsack-Akademie: »Ich wollte diesen Weg weitergehen und Menschen die Möglichkeit geben, in diesen Kosmos einzutauchen. Der Impuls zur Gründung der Schule kam letztlich aus dem Wunsch heraus, etwas von der Vielfalt und Tiefe musikalischer Traditionen zu vermitteln.«
Spannung zwischen Freiraum und Festschreibung
Gitarre habe er auch mal gespielt, allerdings ohne sich dabei zu »verlieben«. Irgendwann sei ihm Bordunmusik begegnet. »Das hat mich von allem am stärksten angezogen. Ein rein gestimmtes Instrument auf Bordun, das ist einfach ein phantastisches Klangkonstrukt mit vielerlei Ausdrucksmöglichkeiten. Seitdem bin ich ein Bordunjunkie.« Zöller geht es immer auch darum, diese Möglichkeiten zu nutzen und mit anderen Musikern neue Wege zu gehen. In mehreren Bands, interkulturellen Musikprojekten und künstlerischen Kooperationen hat er dies auf verschiedene Weise getan. Beispielsweise mit dem ambitionierten Ensemble Homebound , irgendwo im Grenzbereich zwischen World Music, Jazz und Kammermusik. Der Clou des von Zöller großteils selbst arrangierten Repertoires: Verschiedene Musiktraditionen werden auf der Basis des Borduntons als verbindendem Element zusammengebracht.

Wenn man mit ihm über seine Arbeit spricht, kommt immer wieder die Spannung zwischen Freiraum und Festschreibung zum Vorschein. Zur Erklärung skizziert Zöller geschichtliche Hintergründe: »Dass es von einem Tune viele Spielarten gibt, ist eigentlich ganz normal. Bei der Vereinheitlichung speziell der schottischen Pipemusik hat das Militär eine große Rolle gespielt.« Die Schlacht bei Culloden im Jahr 1746, die mit einem Sieg britischer Regierungstruppen über aufständische Jakobiten endete, habe für die überwiegend gälisch geprägten Highlands einen grundlegenden kulturellen, politischen und sozialen Wandel eingeleitet. »Aus diesem Trümmerfeld greift das britische Militär den Piper heraus. Es zeigt sich aber, dass diese Musiker alle verschiedene Variationen spielen. Für militärische Zwecke war das so nicht zu gebrauchen. Also wurde die Normierung vorangetrieben.«
»Alles hat seinen Platz«
In der Dezember-Ausgabe 2024 des Musikmagazins folker veröffentlichte Thomas Zöller einen Artikel, in dem er auf die Vielzahl europäischer Dudelsacktraditionen eingeht, mit Schwerpunkt auf der schottischen Variante. In diesem Zusammenhang spricht er von »Festlegungen und Standardisierungen der Dudelsack-Wettbewerbsmentalität«, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Kosten »musikalischer Vielfalt und stilistischer Freiheit« etabliert hätten. Man kann das als kritischen Kommentar zu einer heute dominanten Aufführungspraxis lesen. Im direkten Gespräch klingt der Autor nachsichtiger: »Alles hat seinen Platz und seine Berechtigung.« Ihm liegt es fern, musikalische Praktiken und Blickwinkel gegeneinander auszuspielen. Worauf es ihm aber ankommt, ist die Bereitschaft, sich auf alternative oder verschüttete Perspektiven einzulassen, diese gelten zu lassen und bequeme Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.
Zöllers Aufgeschlossenheit und künstlerische Abenteuerlust führen ihn in ganz unterschiedliche, teils weit auseinanderliegende Welten. 2018 und 2019 tritt er mehrfach als Solist mit dem Musikkorps der Bundeswehr auf – dem Aushängeschild des deutschen Militärmusikdienstes. Dann schreibt er einen Dudelsackpart für einen Titel auf dem fünften Album der Sängerin, Songwriterin und Produzentin Mine (bürgerlich Jasmin Stocker). Für die Aufnahme des Songs Du kommst nicht vorbei treffen sie sich im Studio. Später treten sie mehrmals gemeinsam auf.

Das jüngste Vorhaben trägt den sprechenden Titel »Pibroch Unchained«. Gemeinsam mit Allan MacDonald hat Thomas Zöller es beim Festival Piping Live! 2026 in Glasgow vorgestellt. Es zielt darauf ab, die klassische Ceòl Mòr-Musik von standardisierten Spielweisen zu lösen und sie stattdessen im Hinblick auf ihren soziokulturellen Kontext zu reflektieren. Dazu hat MacDonald die 264 Pibrochs aus den 16 Büchern der Piobaireachd Society neu interpretiert und aufgenommen. Von der Editierung und Veröffentlichung des dabei entstandenen Materials (mehr als 40 Audio-CDs) versprechen sich die beiden Initiatoren wertvolle Impulse und Neubetrachtungen der »großen Musik«. Zur Umsetzung des ambitionierten Projekts wurde eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen.
Freiheit finden
Für den musikalischen Werdegang Zöllers ist Allan MacDonald die vielleicht prägendste Person. Dieser hatte in den 1990ern angefangen, das traditionelle Wettbewerbs-Establishment herauszufordern, indem er die gängigen Regeln infrage stellte, nach denen Pibroch-Interpretationen als »gut« und »korrekt« gelten durften. Die sich daran anschließenden Kontroversen über Deutungshoheit, musikalische Tradition und institutionelle Autorität sind zwar Teil eines sehr spezifischen Fachdiskurses, berühren exemplarisch aber auch allgemeine Fragen zu Normativität, Legitimität und unser Verhältnis zu Kunst. Im Kern ließe sich MacDonalds Ansatz dahingehend zusammenfassen, dass er lediglich die Möglichkeit verschiedener Wege aufzeigen wolle, ohne neue Richtwerte zu setzen.

Bei Thomas Zöller fand diese Position großen Anklang, und sie ist bis heute so etwas wie ein Paradigma seiner Lehrtätigkeit und seines Schaffens. Ein Schlüsselbegriff dabei ist »Tradition«. Sie fungiert als Referenzraum einer vitalen und vielfältigen musikalischen Ausdruckswelt jenseits von Vereinheitlichungen durch institutionelle Zugriffe. Wenn der Gründer der Dudelsack-Akademie über diese Dinge spricht, greift er auf Metaphern zurück: »Tradition ist wie ein fortwährender Fluss, den man flussaufwärts wie auch flussabwärts betrachten kann. Mir ist es wichtig, seine Quelle und die Landschaften, die er bereits durchflossen hat, zu studieren.« Diese Perspektive eines Beobachters am Ufer wechselt Zöller im Verlauf unseres Gesprächs. Er spricht dann von Tradition als »Strom«, in den wir hineinsteigen könnten, um Teil davon zu werden.
Mittels Musik an etwas Größerem teilhaben, darin aufgehen, vielleicht sogar verschwinden – ein Bild, das mit der Person Thomas Zöller recht gut zusammenstimmt. Er ist niemand, der sich laut in den Vordergrund drängt. Selbstinszenierung per Social Media: Fehlanzeige. Einmal sagt er: »Ich fühle mich umso wohler, je weniger Ich in der Musik ist.« Das Ego ein Stück weit zurücknehmen. Ein fast schon unzeitgemäßer Akt. Und vielleicht auch ein Weg, Freiheit zu finden.
Foto Titelbild Heiner Breuer
